1. teil: murmansk-st. petersburg – 30.06.-10.07.07

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57. tag – samstag, 30.06.07 – kirkenes-murmansk (busfahrt)
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eine halbe stunde vor abfahrt des busses nach murmansk finde ich mich an der haltestelle ein, um festzustellen, dass der bus bereits nahezu komplett besetzt ist und auch das gepäckfach fast überquillt. entsprechend entsetzt die reaktion des fahrers, als ich ihm zu verstehen gebe, dass ich, mitsamt fahrrad und den angehängten 6 gepäckstücken, noch mit möchte, wofür ich immerhin zwei plätze bezahlt habe. ohne rücksicht auf mein kostbares rad oder die koffer der anderen reisenden werden rad (mitsamt fettiger kette!), laufräder und packtaschen auf den gepäckberg draufgepackt – und ab geht die fahrt.
was mich nun erwartet, hätte ich mir allerdings nicht träumen lassen: dass mein rad und ich diese fahrt über die ab russischer grenze miserablen straßen letztlich heil überstehen, ist nur der uns beiden gemeinsamen robustheit zu verdanken.
komplett durchgerüttelt, mit einigen schrammen versehen (aber auch der bus!) und froh, die 5 stunden achterbahnfahrt hinter mir zu haben, werde ich in murmansk vor dem hotel polarnyi zory abgesetzt.
nicht unerwähnt soll sein, dass mir der junge russe roman aufgrund seiner englischen eloquenz nicht nur die grenzformalitäten erleichtert, sondern auch für kurzweilige unterhaltung sorgt.
gleichermassen bleibt der eindruck der furchtbaren umweltzerstörung haften, die von den großen industrieanlagen im russischen grenzgebiet verursacht werden.

58. tag – sonntag, 01.07.07 – murmansk-moncegorsk – 155 km / 1.235 hm
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endlich wieder – nach 2 wochen! – im sattel, so denke ich bei der abfahrt nicht ahnend, was mich in diesem tag an marterungen erwarten soll. von murmansk bleibt nur die erinnerung an eine graue, neblig verhangene, unansehnliche skyline, aber auch die weiterfahrt bietet keinerlei attraktivität: eine eintönige waldlandschaft, unbeschreiblich schlechte, von tiefen schlaglöchern, grobem split und wuchtigen asphaltflicken übersäte straßen und in der nähe der beiden passierten städte olenegorsk und moncegorsk der bedrückende anblick einer komplett zerstörten natur, was in mir geradezu einen fluchtreflex auslöst und so die tagesetappe auf eine ungeplante länge ausdehnt. ‚unterkunft mit bad‘ finde ich mit meinem zelt in einem moorigen waldstück in der nähe eines flusses.

59. tag, montag, 02.07.07 – moncegorsk-rucni – 130 km / 902 hm
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ein sehr warmer tag ohne große ereignisse, der im wesentlichen geprägt wird durch die bewältigung schwierigster straßenabschnitte, der begegnung mit einer freundlichen journalistin, die mich fotografiert und mit einem offensichtlich sehr freundlichen, mir aber völlig unverständlichen russichen redeschwall überschüttet, sowie dem einkauf in kandalaksa für 2 tage im voraus (inkl. des wasserbedarfs) und des sich hieraus ergebenden gepäck-mehrgewichts. beeindruckend die kreativität bei der straßenausbesserung (siehe foto).
da ich mit dem wasser haushalten muss, entwickele ich auf dem ’nistplatz‘ im wald eine technik der körperreinigung mit erfrischungstuch – not macht erfinderisch.

60. tag – dienstag, 03.070.07 – rucni-louhi – 161 km / 931 hm
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als kontrast gibt es heute dauerregen bei knapp 12 grad celsius, der sich erst am späten nachmittag verzieht. dennoch bin ich guten mutes, wozu der gesang einer nachtigall, die morgentoilette an einer wasserstelle am rande des ‚highways‘ sowie die dortige einladung von viktor und tatjana mit ihrer tochter kristina zu einem kofferraum-picknick nicht unwesentlich beitragen. versorgt mit einer zugabe zu meinem reiseproviant und einem netten kleinen abschiedsgeschenk spule ich anschließend mit guten beinen die bisher längste und mit einem schnitt von 20,2 km auch schnellste einzeletappe locker ab.
in der nacht gibt es aufgrund eines adrenalinschubs eine kurze schlafunterbrechung, nachdem unmittelbar neben meinem zeltplatz im wald nahe einer wegkreuzung ein autofahrer anhält offensichtlich, um mein zelt zu inspizieren – natürlich ohne folgen.

61. tag – mittwoch, 04.07.07. – louhi-kem 132 km / 307 hm
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eine sehr eintönige, relativ flache etappe – weitgehende schnurgerade verlaufende straße durch undurchdringlichen wald -, die mir aufgrund ’schlechter beine‘ und des grauen himmels mit nieselregen nicht besonderes leicht fällt. daran ändert auch das nach 30 km in einem fluss genommene und von heftigen mückenattacken beeinträchtigte bad im fluss nichts.
umso größer die freude, als ich gegen ende des tages eine niegelnagelneue raststätte fast westlicher prägung finde, wo ich mich ausgiebig an borschtsch, schaschlick, warsteiner pils und milka schokolade laben kann.

62. tag – donnerstag, 05.07.07 – kem-segeza – 123 km / 581 hm
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das abendessen am vortag war wohl doch nicht ausreichend, denn unmittelbar nach meinem frühstück, verzehre ich an einer ‚raststätte alter prägung‘ zum erstaunen des personals mal eben 12 blinis (pfannkuchen ähnlich crêpes). anschließend rolle ich deutlich gestärkt bei allerdings weiterhin neblig-trübem, regenerischen wetter durch die unverändert eintönige waldlandschaft richtung segeza, das ich aber aufgrund der entfernung von der hauptstrecke und des mittlerweile heftigen regens nicht ansteuere. vielmehr entscheide ich mich für ein zimmer im ersten motel auf dieser strecke, um endlich mal meine radmontur zu waschen – ein fataler fehler, wie sich sehr schnell herausstellt: bei einem im voraus zu entrichtenden preis von 1.500 rubel (etwa € 43,00), einem zimmer ohne bad, einem bad auf dem gang ohne dusche, einem waschbecken ohne warmem, dafür aber mit braunem, muffig-riechendem wasser fühle ich mich doch recht deutlich über den tisch gezogen. meine aufgrund mangelnder russisch-kenntnisse zaghaften versuche, diese zustände zu reklamieren, endeten erwartungsgemäß kläglich.

63. tag – freitag, 06.07.07 segeza-medveschegorsk – 140 km / 519 hm
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weiter geht die fahrt durch die abwechslungsarme waldlandschaft, und doch wird diese etappe einen besonderen nachhall in meinen erinnerungen behalten. dafür ist weniger das sich langsam bessernde wetter verantwortlich als vielmehr die begegnung mit drei jungen russischen studenten. ich treffe maja, katja und sergej bei ihrer freiwilligen grabpflege an einem mahnmal für im winterkrieg mit finnland gefallene sowjet-soldaten. ihre englischkenntnisse erlauben eine interessante unterhaltung, natürlich sehr bald mit politischem inhalt und im wesentlichen über die vergangenheit, gegenwart und zukunft der deutsch-russischen beziehungen. beeindruckend dabei, wie gut informiert und ausgewogen in der beurteilung des historischen und gegenwärtigen geschehens diese jungen leute sind. mit einem sehr symbolträchtigen geschenk, dem orange-schwarzen ordensbändchen, das jeder russe am befreiungstag, dem 09. mai trägt und das sie mir an den lenker binden, verabschieden mich die drei in sehr freundschaftlicher weise mit umarmungen und wangenküßchen. dazu passt dann auch die freundliche einladung zum wodka-umtrunk, die ich von drei russischen reisenden während eines späteren verpflegungsstopps erhalte.
vor dem einschlafen – nun wieder auf einem wilden zeltplatz im wald – denke ich noch lange an diese begegnungen.

64. tag – sam, 07.07.07 – medveschegorsk-petrozavodsk – 139 km / 402 hm
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die etappen werden immer flacher, aber leider der wind auch immer störender. wehte er bisher fast ausschließlich von hinten, muss ich doch zunehmend auch gegen ihn ankämpfen. das ist auch ein grund mehr, weshalb ich heute, wie auch an den vortagen, nicht wirklich den etappenort petrozavodsk gegen einen heftigen gegenwind anfahre, sondern auf dem ‚highway‘ die stadt passiere, um mir in gebührender entfernung von eventuell störender zivilisation einen ruhigen waldplatz auszusuchen und mein zelt aufzuschlagen.
vorher aber verweile ich ein wenig abseits einer herrlichen sommeridylle am palebzero-see, wo im mittlerweile sonnig-warmen wetter eine großfamilie das wochenende mit zelten, grillen, trinken, angeln und baden genießt. gleichermaßen nehme ich mir zeit bei einigen fahrten durch kleine, für die region typische ortschaften wie suja oder polavina mit ihren teilweise farbenfrohen, recht kunstvoll gezimmerten und von gemüsegärten umgebenden hütten. außerdem bemerke ich eine vielzahl von hochzeitsgesellschaften, wobei mir der grund hierfür erst am nächsten tag klar wird (siehe datum!).
am abend entwickele ich auf einem schönen, von mücken wenig frequentierten platz unweit der straße eine neue reinungstechnik: volldusche aus der 750 ml-trinkflasche – nach diesem warmen tag eine besonders erquickende novität.

65. tag – sonntag, 08.07.07 – petrozavodsk-olonec – 140 km / 388 hm
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vom heftigen regen am vormittag abgesehen ein tag wie der vorangegangene mit der ausnahme, dass der verkehr spürbar zunimmt wie auch die zahl der anbieter am straßenrand, die im wald gepflückte pilze, mult- und wald- sowie erdbeeren feilhalten. allmählich ändert sich allerdings auch der landschaftscharakter: landwirtschaftlich genutzte flächen, freie brachen sowie kiefernwälder wechseln zunehmend den undurchdringlichen wald und die sumpflandschaft der tundra ab.
während einer verpflegungspause treffe ich auf eine kleine finnische gruppe mit einem journalisten, der sich meine geschichte berichten lässt und schließlich noch fotos von mir schießt. da weiss ich noch nicht, dass tatsächlich später ein bericht über mich in einer finnischen tageszeitung erscheinen soll.

66. tag – montag, 09.07.07 – olonec-kiselnja/star. lagoda – 151 km / 252 hm
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wieder beginnt der tag mit regen, der zum glück am mittag in sonnenschein übergeht. ansonsten gibt es wenig zu berichten, da die strecke keine besonderen reize bietet und sich außer den mühsamen versuchen einer konversation mit viktor, dem satelliten-monteur, und tale, dem ‚alten kosaken‘ (siehe bild), kaum eine abwechslung zum ‚kilometer-fressen‘ ergibt. doch der zeltplatz, den ich am abend inmitten einer wunderbaren brachwiese finde und von dem aus ich – endlich mal von mücken unbelästigt – einen malerischen sonnenuntergang beobachte, ist erwähnenswert.

67. tag – dienstag, 10.07.07 – kiselnja-st. petersburg – 116 km / 125 hm
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dies ist – einen tag früher als geplant – die letzte etappe vor meinem zweiten wichtigen zwischenziel dieser tour: sankt petersburg. anders als erwartet wird sie allerdings zu einer recht mühevollen strecke. plötzlich weht der wind nämlich kräftig von vorne, die straße ist von einem längeren stück perfekter autobahn abgesehen miserabel und malträtiert mein sitzfleisch in zunehmend schmerzhafter weise und zu guter letzt – schreck lass nach! – setzt zur hälfte der strecke beim bremsen wieder das rubbeln im hinterrad ein. doch kann dieses problem dank eines sehr schnellen übereinkommens mit bike basics, austausch des gesamten hinterrads in nur einem tag, gelöst werden – puh!
so erreiche ich relativ abgekämpft nach 1.400 km in 10 tagesetappen und einer anstrengenden, aber interessanten stadtdurchfahrt durch st. petersburg das hotel, das mir für die nächsten 5 tage während meiner auszeit in dieser wunderschönen stadt gemeinsam mit astrid, die aus deutschland einfliegt, herberge sein soll.

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