6. teil: alta-kirkenes – 15.-30.06.07

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42. tag – freitag, 15.06.07 – alta-olderfjord – 105 km / 924 hm
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die heutige strecke soll mich – zusammen mit der morgigen – nun entschieden meinem ersten teilziel, dem nordkap, näher bringen. in anderen berichten als eintönig beschrieben beeindruckt dieser streckenabschnitt, der mit zwei langen, aber gut zu bewältigenden steigungen beginnt, überraschend in ganz besonderem maße:
eine teilweise schnurgerade, fast endlos scheinende straße durch sehr breite, vom gletschereis geformte täler, in denen wie hingewürfelt einige bunte hütten stehen, eine spärliche vegetation, die schon fast arktischen charakter aufweist, berge mit völlig nacktem fels unter einem grau-verhangenen himmel, mächtige wasserfälle, die aus schneebedeckten gipfeln stürzen – all das sind eindrücke von hoher intensität einer wirklich außergewöhnlichen etappe.
unterwegs treffe ich auf brent aus brisbane/australien sowie andreas aus der schweiz, die das gleiche ziel im visier haben wie ich. und ein nettes ehepaar aus graubünden/schweiz, mit dem wohnmobil auf einer mehrmonatigen skandinavien-tour, lädt im richtigen moment zu einer heißen tasse tee ein.

43. tag – samstag, 16.06.07 – olderfjord-skipsfjord – 107 km / 791 hm
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die heute gegen ende der etappe anstehende herausforderung der durchfahrt durch den 7 km langen nordkap-tunnel, mit einer abfahrt von 9 % bis auf 219 m u.d.m. und einem anschließenden anstieg von 10 %, verschafft mir eine unruhige nacht – ganz zu unrecht, wie sich nach einer relativ langen fahrt entlang des porsangerfjords herausstellt.
erst nach einem ‚power-nap‘ in der sonne und durch immer wieder euphorisierende bilder der eindrucksvollen landschafts- und meerpanoramen gestärkt gehe ich diese herausforderung selbstbewußt an, ohne den oft beschriebenen stress und horror dieser tunnelfahrt zu erfahren. allerdings profitiere ich wohl davon, dass die zeit der wohnmobil- und reisebuskolonnen noch nicht begonnen hat, der verkehr im tunnel also sehr mäßig ist wie auch die temperaturunterschiede zwischen innen und außen.
leider schlägt am abend das wetter um, und umso mehr begrüßen helmut und ich – nach einem kurzen besuch von honningsvåg, der tatsächlich nördlichsten stadt europas – den komfort einer holzkohlen-befeuerten hütte gleich neben unseren zelten auf dem campingplatz in skipsfjord, der basis für den morgigen ausflug zum nordkap.

44. tag – sonntag, 17.06.07 – skipsfjord-nordkap-skipsfjord – 52 km / 1.177 hm
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das nordkap, von egil als ‚the most hostile place‘ – der unwirtlichste platz – beschrieben, wird diesem ruf gerecht. durch sturm und regen bei temperaturen unter 10 ° c kämpfe ich mich die 26 kilometer über 744 zu bewältigende höhenmeter durch eine düstere landschaft mit massigen felsen, einigen steilen wiesen, auf denen rentiere weiden, und vom wind aufgepeitschten seen und buchten auf das touristisch an sich unattraktive, aber total kommerzialisierte hochplateau auf 17 ° 10 ‚ 21″, dem noch nicht einmal wirklich nördlichsten punkt europas.
erwartungsgemäß wird mir als radfahrer aber – wie auch im nordkap-tunnel – freie einfahrt gewährt. nach den obligatorischen übungen – erinnerungsfotos vor grauem hintergrund und besuch des nordkap-museums – und dem innerlichen ‚abhaken‘ verlasse ich den menschenfeindlichen ort dennoch mit einem starken gefühl der genugtuung und glückseligkeit, nach 3.070 km, 25.404 höhenmetern und 32 reisetagen das mir selbst gesetzte ziel erreicht zu haben. da stecke ich die gleichermaßen unangenehme rückfahrt zum zelt auch dank der nun geringeren höhenmeter spielend weg und lasse den tag beim experten-plausch mit anderen nordkap-radlern in der beheizten hütte befriedigt ausklingen.

45. tag, montag, 18.06.07 – skipsfjord-hammerfest – schiffsfahrt mit hurtigruten
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einer genialen idee von helmut folgend ändere ich meinen ursprünglichen plan und trete heute nicht die rückfahrt auf der bereits gefahrenen strecke nach olderfjord an, sondern schiffe mich mit ihm um 06:15 uhr mit hurtigruten nach hammerfest ein. das heißt eine streckenverkürzung von ca. 30 km, keine rückfahrt auf bereits befahrener piste und bereicherung der tour um ein weiteres highlight: hammerfest, der nördlichsten stadt der welt!
also früh raus, ohne frühstück packen und 10 km zum anleger nach honningsvåg. die fahrt durch die beeindruckende insellandschaft im nordmeer verbringe ich überwiegend am reichhaltigen buffet, um meinen nahezu unersättlichen kalorienbedarf für die folgeetappe zu decken. ein wenig sight-seeing in hammerfest und update des webloggs sowie ein – einfaches, dennoch sündhaft teures – abschiedsessen mit helmut, da sich unsere wege morgen trennen werden, gestalten den weiteren tag.

46.-53. tag – die, 19.-mi, 27.06.07 – hammerfest (zwangs-ruhetage) – 62 km / 1.162 hm
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am morgen des 46. tages dann der schock: die ursache für ein erneutes ruckeln in der hinterradfelge stellt sich bei genauerer analyse im fachgeschäft als ein riss im felgenbett dar. die von bikebasics (idworx) unmittelbar eingeleitete zusendung des ersatzteils wird eine woche dauern, und die zunächst noch völlig unsichere reparatur kann, wenn überhaupt, dann nur in alta, 150 km entfernt, vorgenommen werden. so muss ich, um einigermaßen wieder in den ursprünglichen zeitplan zu gelangen, die strecke bis murmansk mit dem schiff und/oder bus bewältigen und dann immer noch 2 tage bis st. petersburg aufholen.
in einem moment tiefer enttäuschung aufgrund offensichtlicher aussichtslosigkeit, die reparatur überhaupt durchgeführt zu bekommen, bin ich kurz davor, die reise ganz abzubrechen. die wie selbstverständlich gewährte umfassende organisatorische und großartige moralische hilfestellung von anders, knud und thomas alias ‚yogi‘, dem jungen team von g-sport (guys, you did a great job for me. without your spontaneous and unselfish help i would have been lost – thanks a lot!) hilft mir dann aber, die reparatur durch einen experten in alta doch sicherzustellen und so mein stimmungstief zu überwinden.
allerdings weiß ich noch nicht, was ich im nicht gerade aufregenden hammerfest eine woche lang anstellen soll. glücklicherweise bietet die öffentliche bücherei nicht nur den internet zugang, sondern auch deutsche und englische literatur. und die mir genannten wenigen touristischen highlights der stadt werde ich gut über die tage zu verteilen wissen.

heute, mittwoch, 20.06.07, nach einer reihe von telefonaten und gesprächen sieht die welt schon wieder besser aus – im gegensatz zum grauen, regennassen hammerfest. die organisation der reparatur und auch der weiterreise mit all ihren vorherigen unsicherheiten steht nun und wird wie folgt ablaufen:

mo, 25.06. – eintreffen der ersatzfelge bei g-sport in hammerfest
die, 26.06. – busfahrt mit rad, gepäck und ersatzteil nach alta
anschl. reparatur des hinterrads durch evan von motor norge, alta,
in seiner wiederum 60 km entfernten werkstatt;
übernachtung in einem hotel wegen fehlen eines campingplatzes im ort
mi, 27.06. – am frühen morgen abfahrt mit dem bus nach kirkenes
dort ankunft am späten nachmittag;
übernachtung im privatzimmer wegen fehlen eines campingplatzes im ort
do, 28.06. – abholung busticket und hotelvoucher bei pasvikturist sowie bei
der hauptpost pakete aus der heimat mit lesestoff und ersatzteilen;
am nachmittag abfahrt per bus nach murmansk
(muss wegen mitnahme rad 2 sitze bezahlen);
spätabends ankunft in murmansk, einchecken im hotel polarni zory
wegen fehlen eines campingplatzes im ort
frei, 29.06. – endlich weiterfahrt richtung st. petersburg – fast im alten zeitplan

das warten bietet zeit zur muße – lesen, wandern, fotografieren…

und mittlerweile scheint sogar die sonne über hammerfest …

… am tag … und in der … mittsommernacht!

soeben habe ich das wiederaufbau-museum in hammerfest besucht und bin tief beeindruckt von der leistung, die nach den aufgrund hitler’s befehl der ‚verbrannten erde‘ durch die ‚deutsche wehrmacht‘ verursachten zerstörungen in nordnorwegen erbracht wurde. vertreibung im zuge der evakuierung, rückkehr in niedergebrannte städte, leben in armut und menschenunwürdigen bedingungen, konflikte im aufbau zwischen eigeninitiative und eingriffen der staats-bürokratie bis in den privaten alltag zur durchsetzung des egalitären gesellschaftskonzepts sind die wesentlichen meilensteine, die den weg zum modernen leben in nord-norwegen kennzeichnen. heute stellen die wirtschaftlichen, infrastrukturellen und gesellschaftlichen veränderungen, die norwegen’s öl- und gas-ressourcen und der daraus resultierende wohlstand auslösen, neue herausforderungen an gesellschaft und politik.

ein weiterer besuch gilt der hammerfest kirche, in typischer achitektur der frühen 60er jahre erbaut und das wichtigste wahrzeichen der stadt.

um nicht ganz einzurosten, verlasse ich meinen panorama-zeltplatz oberhalb hammerfest und unternehme einen radausflug (gaaanz vorsichtig!) an das ostufer der halbinsel in die rund 10 km und einige kräftige steigungen entfernt hinter dem kleinen fischerort forsøl liegende kirkegårdsbukt, in der siedlungspuren (fundamente) von vor mehr als 10.000 jahren besichtigt werden können. tatsächlich ist die finnmark (nördlichste provinz norwegens) das älteste siedlungsgebiet norwegens. beeindruckende zeugen sind dafür u. a. auch die steinzeitlichen felszeichnungen in der 150 km südlich gelegenen schwesterstadt alta.
eingefangen werde ich allerdings vielmehr von der in der kargen arktischen landschaft überraschenden lieblichkeit der stillen bucht, die mit ihrem weißen sandstrand und türkis schimmerndem wasser zum verweilen einlädt.

und nun hocke ich hier (montag, 25.06., 16:00 uhr!) und harre der felge, die noch immer nicht eingetroffen ist…

… und auch vor mitwoch nicht eintreffen wird, so dass eine reparatur erst am donnerstag möglich wäre. da dann mein ganzer mühsam arrangierter notfall-reise- und zeitplan in sich zusammenfiele, wird g-sport – nach abstimmung mit bikebasics (idworx) – nun eine alternative felge einbauen. einmal mehr habe ich den ausweg aus der krise den hilfreichen engeln von g-sport zu verdanken, die schließlich auch einen ortsansässigen ‚einspeicher‘ aktivieren, so dass kein weiterer zeitverlust entsteht. wenn alles glatt läuft, melde ich mich also am donnerstag wieder aus kirkenes.

nun ist auch dieser plan wieder zerplatzt, da sich der lokale ‚einspeicher‘ doch nicht in der lage sieht, den job zu machen. so versuche ich jetzt, plan a mit einem tag verspätung zu reaktivieren, denn die original ersatz-felge kommt nun verbindlich mittwoch-morgen und könnte so am selben tag in alta repariert werden. man drücke mir die daumen!


danke für’s daumen-drücken – die felge ist tatsächlich soeben (mittwoch, 27.06., 10:00 uhr) angekommen – juchhuh!!! (allerdings musste anders von g-sport dem postzustellbeamten erst noch mal hinterher telefonieren und ihn auf sofortigem wege in’s geschäft beordern). nun kann also der weitere ablauf wie geplant geschehen, und ich begebe mich jetzt mit rad und gepäck incl. neuer felge auf den weg nach alta.
evan, den ich dort ohne probleme finde, speicht mein hinterrad auch in ca. 3 stunden arbeit um, und ich lege mich beruhigt für eine kurze nacht auf’s ohr, um ja den bus nach kirkenes nicht zu verpassen.

54. tag – donnerstag, 28.06.07 – alta-karasjok (busfahrt)
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anders als geplant, erlebe ich die landschaft im land der samen nicht radelnderweise, sondern aus der bequemen, aber distanzierten perspektive eines busreisenden – wenig attraktiv!
‚when worse comes to bad‘ oder: warum muss murphy den beweis für sein gesetz, dass alles schiefgehen wird, was schiefgehen kann, ausgerechnet bei mir antreten? denn: wie aus der überschrift unschwer ersichtlich, habe ich es heute von alta nicht mehr bis nach kirkenes geschafft. nach 100 km fahrt beim umsteigen in den nächsten bus ab olderfjord erfahre ich zu meinem entsetzen, dass die verbindung nach kirkenes nur an drei tagen die woche und eben heute nicht bedient wird. so komme ich nur bis karasjok, wo auch meine verzweifelten versuche, per anhalter weiterzukommen, erfolglos bleiben.

ob es ein weiteres mal gelingt, alle weiteren schritte nochmals um einen tag zu verschieben, liegt nun in der hand der bereits zweimal bemühten geduldigen und hilfsbereiten irina von pasvikturist in kirkenes.

55. tag – freitag, 29.06.07 – karasjok-kirkenes (busfahrt)
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manchmal muss man wohl zu seinem glück gezwungen werden: der aufenthalt in karasjok, dem kulturellen und politischen zentrum der samen, wird überrraschend zu einem weiteren highlight meiner tour. beim besuch des sapmi museums kann ich mich in einem langen gespräch mit dem kundigen führer marvin ausführlich über herkunft, historie, traditionen und kultur sowie die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische situation der samen informieren. ‚beseelt‘ von dieser unerwarteten bereicherung besteige ich am nachmittag endlich den bus nach kirkenes, in dem ich – quasi in ergänzung zu dem gerade gelernten – eine der samischen führerinnen der alta-demonstrationen von 1978 kennenlerne.
die fahrt führt zunächst durch eine wenig abwechslungsreiche waldlandschaft entlang dem grenzfluss tana nach finnland, um mich später in umso dramatischere landstriche zu bringen: eine von gewaltigen felsformationen umsäumte, scheinbar grenzenlos weite hochebene oder die arktisch geprägte küstenstrecke entlang dem eindrucksvollen varangerfjord. besonders hübsch der kleine ort neiden, der für seine besondere art des lachfangs mit netzen in dem ihn durchlaufenden wasserfall bekannt ist.
am abend treffe ich in kirkenes ein und nehme in einem netten kleinen privatzimmer bei einem norwegisch-russischen paar quartier.

56. tag – samstag, 30.06.07 – kirkenes-murmansk (busfahrt)
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das soll nun bis auf weiteres mein letzter ’nicht-radel-tag‘ werden. den regnerischen vormittag nutze ich zur entgegennahme meiner hier lagernden post sowie zur besichtigung der leider wenig attraktiven stadt kirkenes, ebenfalls ein opfer der ‚verbrannten erde‘ im jahr 1944. über die stadt verteilte bunker, mahnmale und statuen zeugen auch heute noch von diesem für die stadt so einschneidenden geschehen. den hafen, in dem mein großvater während des krieges als hafenkommandant fungierte und in dem heute fast ausschließlich russische schiffe liegen, besichtige ich so mit recht gemischten gefühlen.
nur auf den ersten blick verwunderlich ist die starke russiche präsenz in kirkenes: straßen- und gebäude-beschriftungen sind vielfach zweisprachig gehalten, ‚gastarbeiter‘ bzw. einwanderer und fahrzeuge aus russland sind in der stadt allgegenwärtig und weisen auf rege nutzung des ‚kleinen grenzverkehrs‘ hin, zu dem auch der pendelbus-verkehr nach murmansk gehört, mit dem ich ‚abfertigungstechnisch‘ auf einfache weise nach russland einreise.

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