reisebericht

samstag, 16.08.08 – köln-büscheich – 97 km / 1.208 höhenmeter sonnig

meine eltern - gute wünsche zum abschied

nach den in diesem sommer bereits gefahrenen 3.300 km, mit dem trekking-rad und 35 kg gepäck durch italien, erwarte ich – trotz mehr als einem monat radsportlicher totalabstinenz – auf der mir vertrauten strecke zu meinen eltern nach büscheich bei gerolstein ein leichtes spiel – weit gefehlt!

glücklicherweise gibt mir mein jugendlicher radlerkollege martijn neben zeitweiligem windschatten vor allem geistige ablenkung und moralische unterstützung. dennoch wird, nach bereits leichtem zwischenzeitlichen schwächeln, zumindest die reststrecke von gerolstein nach büscheich – 5 km bergauf mit bis zu 12 % steigung! – zur echten herausforderung und führt einmal mehr zu der erkenntnis, dass trekkingfahren und rennradfahren doch zwei recht unterschiedliche sportarten sowie 6 wochen pause eine sich bitter rächende trägheit sind.

sonntag, 17.08.08 – büscheich-longwy/f  – 162 km / 2.037 hm  meist sonnig00-starker-regen.jpg

mürlenbach im kylltal kloster st. thomas im kylltal einreise luxemburg in echternach ländliche tradition ’schweinefest’ in frankreich

die heutige, recht anspruchsvolle etappe lässt mich ein ganzes land durchfahren – luxemburg. dessen auf zwei – mit steilen anstiegen verbundenen – ebenen liegende hauptstadt und ‚mit-regierungssitz europas‘ luxemburg stadt empfängt mich nach einem sonnigen grenzübergang bei echternach grau und kühl. die kurze zeit später zufällig besuchte ‚lempacher kiermes‘ sorgt da – nicht nur wegen der mittlerweile wieder lachenden sonne – für eine willkommene abwechslung und die mir dort von einer überaus freundlichen jungen bäuerin kostenlos gewährte auffüllung meiner trinkflaschen mit ihrem frisch gepressten apfelsaft für eine köstliche erfrischung.

unterkunft finde ich – nach einem kurzen, aber heftigen regenintermezzo in differdange – in der vom fortwährenden niedergang der schwerindustrie gezeichneten französischen grenzstadt longwy in einem euphemistisch ‚premiere classe‘ genannten billighotel, dessen standard nur noch von der küche des – aufgrund mittlerweile strömenden regens leider alternativlosen – schnellrestaurants nebenan unterboten wird.

montag, 18.08.08 – longwy-châlons s/marne  – 156 km / 1.465 hm  07-untersch-bewolkt-einz-schauer.jpg

château de cons-la-grandville über 10000 deutsche soldaten auf azannes II pennsylvania memorial in varennes-en-argonne

die morgendliche kühle nach einer heftigen regennacht und die fahrt über sehr langsam abtrocknende straßen lässt mich nur allmählich in schwung kommen.  im laufe des tages wechselt die anfangs noch durch eine schöne waldlandschaft und hübsche orte führende, trotz oder wegen ihres recht bergigen charakters, recht reizvolle strecke in ein ‚roller-coaster‘ profil, das zwar im prinzip einfacher, aber durch den zunehmend starken gegenwind und die abnehmende bewaldung dann doch deutlich mühsamer und auch wegen der anhaltend niedrigen temperaturen nur mit hohem energieaufwand zu fahren ist.

immer wieder verweile ich an den in dieser region allgegenwärtigen zeugnissen des wahnsinns des weltkrieges 1914-1918. monumente und zahlreiche soldatenfriedhöfe mit tausenden, ja zehntausenden von gräbern in den argonne-wäldern um verdun fordern geradezu das einhalten und die besinnung auf die sinnlosigkeit unzähliger opfer beider seiten ohne kriegsentscheidende wirkung.

so erreiche ich relativ spät am abend und recht ausgepowert das wegen seiner kathedrale saint étienne de châlons und der stiftskirche notre-dame-en-vaux bekannte châlons-en-champagne (oder ’sur-marne‘) und bin selbst mit dem standard des ‚low budget‘-hotels ‚balladins express‘ zufrieden.

dienstag, 19.08.08 – châlons-romilly s/seine – 84 km / 720 hm  07-untersch-bewolkt-einz-schauer.jpg

kirche von corroy - champagne stürmischer gegenwind - rauer asphalt historisches wehr in anglure - champagne

am beginn des tages weiß ich noch nicht, dass er der erste von zwei leidenstagen werden soll, an denen meine moral einen tiefpunkt erreicht. schuld daran sind der äußerst heftig auffrischende und anhaltende gegenwind aus südwest, dem ich in der nahezu völlig baum- und strauchlosen getreidefelder-landschaft der champagne völlig ungeschützt ausgeliefert bin. die ungemütlichen, nur von gelegentlichen aufhellungen unterbrochenen niedrigen temperaturen sowie die einsamkeit der fast völlig leeren französischen departement-straßen mit ihren berüchtigten rauen und holprigen asphaltdecken tun ihr übriges.

so kann ich mich nach der pause zur mitte der ursprünglich geplanten tagesdistanz nicht mehr zum weiterfahren aufraffen und nehme frühzeitig quartier im typischen ardennen-provinzörtchen romilly-sur-seine, das inmitten einer sanften hügellandschaft liegt, deren kalkhaltige böden beste voraussetzungen für den weinanbau bieten. interessanterweise werden in romilly auch die bekannten ‚gitane‘ rennräder hergestellt!

mittwoch, 20.08.08 – romilly s/seine-sens – 78 km / 744 hm  07-untersch-bewolkt-einz-schauer.jpg

voll im wind 1 voll im wind 2 ankunft in sens

der zweite leidenstag wird eingeleitet durch einen scheinbaren totalausfall meines auf dieser tour – anstelle von auf dem rennrad extrem unpraktischen straßenkarten – erstmals eingesetzten gps-systems ‚garmin etrex vista hcx‚, der mich schrecklich nervt. nach zwei stunden wiederholter, aber vergeblicher fehlersuche, unschlüssigen hin- und herfahrens, erst überlegten und bei betrachtung im buchladen dann wieder verworfenen kaufs von mit meinen kontaktlinsen ohnehin nicht lesbaren straßenkarten und letztlich erfolgreichen telefonaten mit globetrotter köln ist die ursache, eine herausgesprungene speicherkarte, glücklicherweise festgestellt. dennoch verleiten mich der zeitverlust und die unverändert unangenehmen reise- und wetterbedingungen nach abermalig vorzeitig abgeschlossener tagesetappe tatsächlich, einen abbruch meiner radtour zu erwägen und mich im hübschen zielort sens ernsthaft um – allerdings sehr umständlich über paris und bordeaux führende – zugverbindungen nach lesparre und – in einem fahrradgeschäft – dafür erforderliche radverpackung zu bemühen.

letztlich aber unentschlossen gönne ich mir als ausgleich für den trüben tag und das extrem grundfunktionelle hotel ‚formule 1‘ ein bescheidenes dinner in der, mit der kathedrale saint-étienne und imposantem rathaus, netten innenstadt von sens und verschiebe – angesichts der mittlerweile gewonnenen erfahrung mit meinen stimmungstiefs – die endgültige entscheidung über art der weiterreise auf den nächsten morgen.

donnerstag, 21.08.08 – sens-blois – 191 km / 1.278 hm   meist sonnig

montargis im gâtinais einfahrt nach montargis - venedig des gâtinais orléans - am ufer der loire eingerüstet - cathédrale sainte-croix d’orléans

wie an der tages-‚mileage‘ erkennbar, packt mich heute bereits in der früh der ehrgeiz. die übliche trotzreaktion und wiedergewonnene, durch bestes wetter noch gestärkte motivation treiben mich früh aus dem bett und zeitig auf die piste. wild entschlossen, nun auch die gesamte strecke zu ‚erradeln‘, verlasse ich sens in richtung loire und entscheide mich, den weiterhin heftigen südwest-wind einfach zu ignorieren. allerdings muss ich mich, nach verlassen der ursprünglich minutiös geplanten, ausschließlich über nebenstraßen führenden route – wiederholt mit den grenzen der flexibilität meines garmin navigationsgeräts auseinandersetzen. unsinnige routenvorschläge – zweimal sogar über die autobahn – müssen immer wieder recht zeitaufwändig überprüft und korrigiert werden.

dafür entschädigt werde ich durch ein trotz gegenwind flottes vorankommen und eine herrliche fahrt über das blumenreiche, malerische montargis, dem venedig des gâtinais, nach und durch orléans (sehenswert die – leider eingerüstete – heiligkreuzkathedrale) sowie an der loire mit ihren vielen prächtigen schlössern entlang, sodass ich mich sogar noch zu einer verlängerung der heutigen etappe entschließe und bis ins, mit seinem schloss, der kathedrale und seiner wunderbaren steinbrücke über die loire beeindruckende, auf mehreren hügeln liegende blois weiterfahre. hier hilft mir eine freundliche dame im fremdenverkehrsbüro, eine einfache und günstige bleibe für die nacht zu finden – direkt gegenüber dem bahnhof, was nun aber keinerlei abwegige gedanken mehr hervorruft, trotz des am späten abend einsetzenden regens.

freitag, 22.08.08 – blois-poitiers – 172 km / 934 hm   00-starker-regen.jpg / 07-untersch-bewolkt-einz-schauer.jpg

abschied im regen - blois malerische brücke in candé-sur-beuvron die loire - tristesse im regen chaumont-sur-loire

schon am vorabend und in der nacht kündigt sich der nun heftige regen, der mich am morgen erwartet, nachdrücklich an. also, regensachen an und nach einem ausgiebigen frühstück auf richtung tours über regennasse straßen entlang der von vielen, teils prachtvollen schlössern überragten, heute unter tief liegenden, schnell dahinbrausenden wolken im unregulierten flussbett ruhig dahinfließenden grauen loire. der kurze zeit später eintretende wechsel von dauerregen zu schauern wirkt sich zwar motivationssteigernd, aber leider auch stark tempomindernd aus, da das wiederholte an- und ausziehen der regenkleidung recht zeitaufwändig ist und immer wieder den gerade gewonnen rythmus unterbricht.

rechtschaffen müde und mit großem appetit erreiche ich poitiers, an dessen stadtrand ich mich bereits richtung westen, der startorientierung für morgen, wende.

samstag, 23.08.08 – poitiers-grayan et l’hôpital – 173 km / 1.200 hm    meist sonnig

auf der d150 - endlich der sonne entgegen ein verkehrsopfer am straßenrand ziel erreicht - beachvolleyball-feld am atlantik

 

die letzte sollte nun auch eine besonders schöne etappe werden. nachdem ich mich statt für die nationalstraße n 11 über niort nach saintes für die kürzere d150 entscheide, die direkt nach saintes führt, werde ich auch noch damit belohnt, dass diese fast schnurgerade, aber durch eine herrliche hügel- und gartenlandschaft führende straße nach westen kilometerlang mit einer dichten hecke gesäumt ist, die den weiterhin kräftigen wind erheblich mindert. so gestaltet sich die fahrt bei strahlendem sonnenschein zu einem echten radelvergnügen. was für ein unterschied zu dienstag/mittwoch!

auch der zunächst sich ergebende wermutstropfen eines 20 km umwegs wegen eines mittlerweile  zur reinen autoschnellstraße umgebauten 4-spurigen 15 km langen streckenabschnitts wird durch die freundlichkeit eines französischen autofahres weggewischt. dieser – von mir angehalten und nach der weiteren strecke gefragt – baut kurzerhand den kofferraum seines kleinwagens so um, dass mein fahrrad und rucksack neben all seinem gepäck noch platz finden, lädt mich zusätzlich zu seinen beiden kindern ein und nimmt mich die 15 km schnellstraße mit, um mich danach allerdings nur auf meine ausdrückliche bitte hin wieder aus dem auto heraus zu lassen und nicht ganz bis zu dem einstmals mondänen, im 2. weltkrieg durch die us-luftwaffe versehentlich zerbombten und später wieder aufgebauten badeort royan zu fahren.

nach einer überraschend preisgünstigen überfahrt über die garonne mündung, die gironde, mit der fähre nach le-verdon-sur-mer und weiteren 25 km erreiche ich nach

  • 8 tagen
  • 1.113 km
  • 9.586 höhenmetern

körperlich und seelisch gestählt und in guter stimmung, mein ziel: das beachvolleyball-feld am atlantik-strand, das für die nächsten 2 wochen mein haupt-betätigungsfeld sein wird.

und nach diesen 2 wochen gefüllt mit sonne, wind und meer sowie vielen stunden beachvolleyball und geselligkeit im kreise sehr netter menschen nehmen mich die sportsfreunde maria und wolfgang aus altdorf dankenswerterweise mit zurück nach deutschland. ein spontan geplanter, herrlicher urlaub liegt hinter mir!

happy me - am strand

zurück – 2010-2016

mittlerweile bin ich diese strecke in einigen abwandlungen noch weitere 5mal, also insgesamt 6mal, gefahren, einmal 1.400 km bis in die oberpfalz und 4mal mit rund 1.000 km nach köln (jeweils 7-9 tage). jedes mal wieder eine neue herausforderung hinsichtlich streckenführung und klima/wetter. aber auch jedesmal wieder schön!

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